Mittwoch, 16. Oktober 2013

Kuwait: Medizinischer Test auf Homosexualität?

Die Vorstellung ist absurd und menschenverachtend: ein medizinischer Test auf Homosexualität.
Darüber hinaus erwägt der im Artikel genannte kuwaitische Gesundheitsbeamte etwas Unmögliches.
Es würde sich methodisch um einen einen Screeningtest handeln, also um einen Test der – möglichst genau – zwischen Personen unterscheidet, die gesund und krank sind. Abgesehen, dass Homosexualität keine Krankheit ist – der Test müsste auf Merkmalen beruhen, in denen sich Homosexuelle von Nicht-Homosexuellen unterscheiden. Der Test müsste – in der Screening-Sprache – sensitiv und spezifisch sein. Das wird nicht funktionieren.

Süddeutsche Zeitung 16.10.2013

Moral und Verbrechen

Kuwait will Homosexuelle mit „medizinischen Tests“ aufspüren
Kairo – Wenn es nicht diesen widerlichen Unterton hätte, die Idee wäre geradezu rührend naiv. Die Golf-Staaten, konservativ, stinkreich, möchten sich schützen. Vor zersetzenden Einflüssen aus den Nicht-Golf-Staaten, genauer: vor Schwulen. Deshalb hat ein kuwaitischer Gesundheitsbeamter angeregt, Ausländer während der routinemäßigen Untersuchung vor der Visavergabe neuen „medizinischen Tests“ zu unterziehen, mit denen er Homosexuelle und Transsexuelle aufspüren möchte. Am 11. November wollen Saudi-Arabien, Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Oman und Katar den Vorschlag beim Treffen des Golfkooperationsrates diskutieren. Millionen Gastarbeiter, vor allem aus Bangladesch, Pakistan, Nepal, Vietnam und Jemen haben sich bisher Zwangsuntersuchungen unterzogen. Und jetzt werde eben auf Schwulsein getestet.
  Mal abgesehen davon, dass Länder wie Russland zumindest theoretisch einen Aids-Test von Ausländern verlangen und auch andere Staaten Gesundheitsprüfungen vorschreiben, ist das einerseits natürlich haarsträubend. Zumal für Katar, den winzigen Gernegroß, der 2022 die Fußball-WM ausrichten will, aber wegen der sklavenähnlichen Behandlung seiner Gastarbeiter aktuell so gar nicht wie der spaßorientierte Global Player dasteht, sondern wie eine rassistische Ausbeutergesellschaft. Schon melden sich Stimmen, die warnen, mit Schwulentests sei das Fußballfest und seine Anti-Diskriminierungspolitik ganz sicher nicht vereinbar, die Fifa müsse intervenieren und Katar die WM wegnehmen.
  Es ist natürlich überhaupt ein absurdes Vorhaben, Homosexualität medizinisch festzustellen.Weder die Kuwaitis noch ihre Nachbarn verraten, wie genau sie vorgehen wollen: Blut untersuchen? Gene? Körperöffnungen? Bleibt also eine neue Stufe der Diskriminierung, die allerdings nur außerhalb der Golfstaaten überhaupt als solche wahrgenommen wird. In 78 Ländern, darunter fast allen arabischen Staaten, ist Homosexualität verboten, in Saudi-Arabien, Iran, Sudan, Jemen und Mauretanien wird sie mit dem Tode bestraft, in Kuwait mit bis zu zehn Jahren Haft. Wenige, nicht einmal die liberalsten Vertreter der Region wollen daran etwas ändern.
  Amnesty International nannte die Golf-Pläne „unerhört“. Der Vorschlag werde nur jene Menschen weiter ausgrenzen, die ohnehin Missbrauch ausgesetzt seien, kritisierte Philip Luther, der die Menschenrechtsorganisation im Nahen Osten vertritt: „Kuwait sollte sich bemühen, dass diese Menschen nicht schikaniert werden, weil sie sind, was sie sind.“ Natürlich verletzen solche Tests das Menschenrecht auf Intimsphäre. Andererseits aber sind solche Empörungen eine Steilvorlage für die bärtigen Frömmler, die damit zweierlei beweisen können: ihren Ekel vor den „Ausschweifungen“ des Westens und ihre patriotische Gesinnung. Seit die Islamisten in Ländern wie Ägypten als vaterlandslose Gesellen dramatisch in die Defensive geraten sind, ist dies auch am Golf ein wichtiges Argument. Zwei kuwaitische Abgeordneteereiferten sich entsprechend in der lokalen Zeitung Al-Rai: Amnesty solle sich um jene „hochfliegenden und noblen Ziele“ bemühen, für die es einst geschaffen worden sei anstatt „Verbrecher“ zu verteidigen. Uneheliche Kinder in Europa, Abtreibungen, minderjährige Mütter – das alles seien ja nur einige der „moralischen Verbrechen“, die von „allen göttlichen Religionen“ verboten seien, kurz: Kuwaits Außenministerium sei aufgerufen, die „noblen Werte des Islam“ zu schützen und sich die ungebührliche Einmischung von außen zu verbitten.
  Ökonomisch, so der Einwand der Menschenrechtler, sei es schlicht nicht sinnvoll, Schwule oder Transsexuelle vom Arbeitsmarkt fernzuhalten. Aber für dieses Argument sind Länder wie Katar und Kuwait wohl einfach zu reich.
SONJA ZEKRI

1 Kommentar:

Stefan Wögerbauer hat gesagt…

Eine sexuelle Orientierung als Krankheit zu bezeichnen ist absurd. Das es früher eine weiter verbreitete Vorstellung war, ist auch klar - aber heute - 2013 muss es doch Ärzten möglich sein, eine Krankheit als solche zu definieren. Es gibt bestimmte Symtome, von denen man auf eine Krankheit schließen kann. Welche Symtome sollen bei Homosexualität vorliegen?
Es kann doch nicht wahr sein, dass gebildete Ärzte in Kuwait so etwas unterstützen? Nur weil es der Staatsreligion nicht passt, können doch nicht hunderte Ärzte Ausländer auf etwas untersuchen, von dem sie wissen, dass es gar nicht existiert.